textversion | ursprüngliche version | druckversion
Bieler Tagblatt 05-11-2007, seite 6

«Ich bin kein Diktator»

TOBIAS GRADEN

Amo Sulaiman ist Lehrbeauftragter an der BFH TI Biel. Aber nicht nur: Der promovierte Philosoph hat kürzlich seinen dritten Roman veröffentlicht. Die Entwicklung seiner Partei stockt allerdings.

Einen kurzen Moment zögert er, überlegt, ob er fürs Foto seine Mütze drehen soll, sieht dann aber davon ab. Der Schriftzug «Protest» bleibt so am Hinterkopf. Wogegen er denn protestiere? «Gegen alles», sagt Amo Sulaiman und lacht herzlich.

Alle auf dem Schiff

Es gibt sicher langweiligere Lehrbeauftragte im Kanton Bern. Amo Sulaiman unterrichtet an der BFH TI Biel Englisch, und er tut das gerne. Denn er sieht das Unterrichten nicht als EinwegKommunikation: «Ich bin kein Diktator, sondern sitze zusammen mit den Studierenden in einem Schiff, das wir sicher durch die Wellen führen wollen.» Lehren sei mehr als reine Wissensvermittlung: «Ich helfe den Studierenden auf ihrem Weg, ich kann viel geben, und die Arbeit gibt auch mir viel zurück.» Das schönste am Beruf sei aber die Motivation, selber ständig zu lernen. Denn als Lehrbeauftragter an einer Fachhochschule hat er den Studierenden ein technisches Englisch zu vermitteln. Jede Fachrichtung hat ihren spezifischen Wortschatz, der sich zudem durch die technische Entwicklung ständig erneuert.

Zurzeit hat Sulaiman an der TI Biel ein 30-Prozent-Pensum, er hätte nichts dagegen, wenn er es aufstocken könnte: «Ich wandle auf der Linie zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit», sagt er – nicht mit Bitterkeit, sondern mit einem gewinnenden Lächeln.

Guyana, Kanada, Schweiz

Sulaiman wurde in Guyana geboren, dem südamerikanischen Land zwischen Venezuela, Surinam und Brasilien. Er wuchs in einer Grossfamilie auf, hat zehn Brüder und Schwestern, der Vater war Bauer, starb jedoch, als Sulaiman zehn Jahre alt war. «Es war eine schwierige Zeit», erinnert er sich, «in der Nacht stahl man uns Teile des Traktors, anderntags mussten wir sie den Dieben abkaufen.» Als er 13 Jahre alt war, wandertedieFamilienachKanada aus. Sulaiman besuchte erst die HighSchool,späterdieUniversität in Montreal, wo er den Master in Philosophie machte. Tagsüber studierte er, des Nachts arbeitete er, um sich das Studium leisten zu können. Das damalige Motto ist ihm bis heute geblieben: «You always have to struggle», man müsse immer kämpfen, wenn man es zu etwas bringen wolle.

In die Schweiz kam Sulaiman 1989, um bei Henri Lauener an der Universität Bern zu dissertieren, und hier ist er geblieben. Sein Bild des Landes hat sich damit allerdings stark gewandelt: «Als Tourist sagt man, alles sei schön. Doch wenn man hier lebt, erkennt man, dass es auch in der Schweiz Armut gibt.»

Resman und der Kaffee

Stets hat sich Sulaiman nicht nur dem Lehren verschrieben, sondern sich philosophischen und nicht zuletzt wirtschaftsethischen Fragen gewidmet, sei es in akademischen Veröffentlichungen oder in seinen Romanen. Sein jüngstes Buch trägt den Titel «Resman Speaks to Americans», es ist ein Roman, der sich besonders den USA (aber auch der Schweiz und ihrer Regierung) widmet. «Die USA haben Geld und Macht», sagt Sulaiman, «doch sie müssten damit verantwortungsvoller umgehen.» Der Supermacht blühe das gleiche Schicksal wie allen grossen Reichen der Geschichte: «Sie wird untergehen», prophezeit Sulaiman,«dasistschade,dennsiehätte das Potenzial, für lange Zeit Wohlstand zu verbreiten.» Das Schreiben hat ihm allerdings noch nicht zu Wohlstand verholfen: «Was ich damit verdiene, reicht gerade aus, um eine Tasse Kaffee zu kaufen», sagt er lachend.

AuchseinePartei,besser:OrganisationEEO(EqualEmployment Opportunities) könnte einen Wachstumsschub vertragen. «Zurzeit haben wir noch etwa sechs Mitglieder», sagt Sulaiman. Ziel von EEO ist der diskriminierungsfreie Arbeitsmarkt. «Jeder Mensch hat das Recht, sich für eine Stelle zu bewerben, ohne bereits durch die Bewerbungskriterien diskriminiert zu werden. Objektive Kriterien wie Ausbildung, Erfahrung, Know-how sind die einzigen Kriterien für eine Anstellung», heisst es auf der Homepage von EEO.

Amo Sulaiman, sind Sie ein Kommunist? «Nein», sagt er, «ich bin Realist.» Aber durchaus einer mit hohem ethischem Bewusstsein und hehren Idealen. Einer, der also nicht nur dumpf protestiert, sondern auch alternative Ideen entwickelt – auch wenn er dafürnochkeingrossesPublikum gefunden hat. Diese Ideen gehen ihm nicht aus: «Ich habe noch Manuskripte für zwei weitere Romane und drei philosophische Schriften», sagt er, «im Moment habe ich jedoch keine Zeit und Lust.» Eines ist sicher: Die Arbeit anderTIBielmöchteernichtmissen: «Es ist fantastisch – die Arbeit, die Freunde und die Kollegen.»

Zur Person Beruf: Doktor der Philosophie, Lehrbeauftragter für Englisch an der BFH TI Biel Zivilstand: verheiratet, zwei Kinder Wohnort: Grossaffoltern Hobbies: Fussball, Wandern, Skifahren, Sport allgemein (tg) INFO: Neueste Veröffentlichung: Amo Sulaiman: «Resman Speaks to Americans» (Publish America)